Hinweis

Für dieses multimediale Reportage-Format nutzen wir neben Texten und Fotos auch Audios und Videos. Daher sollten die Lautsprecher des Systems eingeschaltet sein.

Mit dem Mausrad oder den Pfeiltasten auf der Tastatur wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Durch Wischen wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Los geht's

Das Reißen (Teil 1)

Logo https://kreativkind.pageflow.io/das-reissen-teil-1

Zum Anfang

Das Reißen (Teil 1)

Vollbild
Das Geräusch, ein langgezogenes metallisches Zischen, konnte er anfangs nicht zuordnen, nicht was es verursachte noch woher es kam. Er saß in einem kleinen Diner an der Straße, die von Venice Beach Richtung Downtown L.A. führte, und nippte an einem Cappuccino. Draußen, hinter den dürren Sträuchern in Terrakotta-Kübeln, die ein paar Tische auf dem Gehsteig abschirmten, verschwand der pinkfarbene Schatten der Sonne langsam hinter einer graffitiverzierten Wand. Die schlaffen Wedel der Palmen bewegten sich kaum im Wind, der merklich kühl durch die geöffneten Fenster in den Raum drang. Als ob die Sonne die Wärme des Tages aus ihr herausgesaugt hätte.

„Warum gehst du nach Merika, Daddy? Warum?“ Ellie hatte ihn gestern mit einer Miene angesehen, die sie viel erwachsener erscheinen ließ als fünf Jahre, ernst und ruhig, so, als ließe sie Ausreden nicht gelten. Bevor er am nächsten Morgen das Haus verlassen hatte, war er nochmals ins Kinderzimmer gegangen. Dana schlief mit dem Rücken zu ihrer Schwester, ihre Hand bedeckte halb den Mund. Ellie hatte die Decke weggestrampelt, sie lag auf dem Bauch, ein Bein berührte fast den Boden. Er deckte sie zu und strich ihr sacht über den Kopf. Sie regte sich nicht, er beugte sich über sie, bis er feststellte, dass sich ihr Brustkorb hob und senkte.

Warum? Eine einfache Frage und im Prinzip eine einfache Antwort. Noch einmal Kalifornien erleben, noch einmal von der Golden Gate Bridge auf die langgeschwungene San Francisco Bay im leichten Dunst blicken, noch einmal in der Mojawe-Wüste die Stille aushalten, und den Himmel, so weit und durchdringend, so jede Lebensform hinterfragend wie kaum etwas anderes. Noch einmal sich treiben lassen von den Film-Bildern im Kopf, die vielleicht deshalb so machtvoll waren, weil sie in der Kindheit entstanden waren und so eine längst vergangene scheinbar intakten Welt zum Leben erweckten.
Der Inhaber des Diners, ein freundlicher hochgewachsener Mann mittleren Alter mit geröteten Wangen und Kochschürze über seiner Jeans, brachte ihm seine Lasagne. Jan hatte ihm erzählt, dass er aus Deutschland war, sie kamen ins Gespräch. Neal war vor zwanzig Jahren in Schweinfurt als Soldat stationiert gewesen, es habe ihm dort gut gefallen, sie hätten dort immer „Snitzel im Brotchen“ gegessen.
Jan wickelte das Besteck aus der Serviette. Zwei Gabeln, kein Messer. Er ging zum Tresen, Neal gab ihm mit einem entschuldigenden Lächeln ein Messer. Wirklich ein netter Kerl, aber wahrscheinlich war sein Interesse an ihm und Deutschland genauso wenig wahrhaftig und oberflächlich wie bei den anderen Amerikanern, die er bei bei dem Trip vor fünf Jahren kennengelernt hatte. E-Mail-Adressen ausgetauscht, manchmal sogar noch ein Treffen in den Staaten vereinbart, und dann nie mehr etwas voneinander gehört.

Er war müde und wach zugleich, seine Arme schienen zu schweben wie die eines Astronauts. Während des Flugs hatte er zwar ein paar Stunden geschlafen, aber die meiste Zeit  sich mit dem älteren Italiener neben ihm unterhalten. Mit dem Mietwagen war er zu dem Hostel direkt am Strand von Venice Beach gefahren. Ein günstiges Einzelzimmer in guter Lage, sogar der Schlafsaal blieb ihm erspart. Er war gleich mit Rose ins Gespräch gekommen, einer Amerikanerin, die in der Küche arbeitete, bestimmt zwanzig Jahre jünger als er, wie die meisten anderen. Sie hatte es geschafft, die Verlorenheit in ihm zumindest für ein paar Minuten aufzulösen, aber sobald er auf die Straße trat, auf der tätowierte Freaks mit ihren Skateboards und Elektroroller an ihm vorbeizischten, sank er wieder in sie zurück.

Neal brachte ihm die Karte, er bestellte ein Tiramisu und einen Espresso.

Warum? Genauso wie Ellie diese Frage immer wieder stellte, egal was man antwortete, sie einen manchmal dazu zwang, sich von den schematischen Erklärungen zu lösen und wirklich darüber nachzudenken, so ging es jetzt ihm.

Venice Beach, L.A.


Schließen
Zum Anfang
Zum Anfang
Scrollen, um weiterzulesen Wischen, um weiterzulesen
Wischen, um Text einzublenden